Flug ohne Fass

Synopsis

für den pikaresken Roman von Micho Mossulischwili

„Flug ohne Fass“

Genre: Schelmenroman, Action, Abenteuer

Übersetzt von Katja Wolters

Der Titel des Romans ist eine Anspielung an Goethes Faust In der Szene „Auerbachs Keller“ glaubt ein Zeuge, Mephistopheles reite auf einem Fass hinaus. Lange stellt fest, dass das auf sich selbst gestellte moderne Bewusstsein jenseits religiöser und sozialer Institutionen sich aus dem „Faustischen Mythos“ ableiten ließ, weil es dort scheinbar Gnade erhält, aber für unsere Helden ist für einen solchen Flug auch ein amerikanischer „Joint“ genug.

Der Text auf der ursprünglichen Sprache (Georgisch)
  • Wortzählung – 48 093
  • Charaktere (mit Räumen) pro Seite – 1,800
  • Charaktere (mit Räumen) pro alle Seiten – 350,444
  • Eine hypothetische Zahl von Seiten – 350,444 : 1,800 = 194.69

 

Ananke Oro KajjaDer Überschrift des Romans „Flug ohne Fass“ ist eine Paraphrase von Goethes „Faust“: Doktor Faust brauchte ein Weinfass aus dem Auerbacher Keller, für unsere Helden allerdings wäre für einen ähnlichen „Flug“ ein Marihuana Joint ausreichend.

Es ist das Jahr 2000. Wie in fast jedem postsowjetischen Land herrscht auch in Georgiens Hauptstadt Tiflis Arbeitslosigkeit und Armut.

Der 30-jähriger Sänger Dito Kinkladze hat vor, seiner Freundin Marischka, einer Künstlerin, einen Heiratsantrag zu machen. Marischka jedoch erhält von einer Frau den Vorschlag, gegen 11000 USD in Dresden, Bonn und München eine Verkaufsausstellung ihrer Werke zu veranstalten. Um diese Summe zu erhalten, beleiht Dito seine Fünfzimmerwohnung in der Altstadt bei der „Kaukasus Bank“ und bezahlt die Unbekannte, die kurz darauf mit dem Geld und dreißig Werken von Marischka spurlos verschwindet.

Nun muss man die Bank von dem Verkauf der Wohnung abhalten. Darum fangen Dito und sein Freund an, Autos zu entführen und sie in Ossetien zu verkaufen. Von dem eingenommenen Geld wollen sie die Bankzinsen begleichen.

Eines Tages wird Dito von seiner Mutter, die ihre gemeinsame Wohnung in eine Festung gegen aufdringlichen Gerichtsvollzieher verwandelt hat, informiert, dass Marischka einen deutschen Millionär geheiratet hat und nach Deutschland umgezogen ist. Dito verkauft seine Kalaschnikow und andere Waffen und fährt auch nach Deutschland, um Marischka zu suchen.

In Frankfurt am Main angekommen, stellt Dito Kinkladze einen Asylantrag und wird in ein Asylbewerberlager im Schwarzenfeld, in Landkreis Schwandorf geschickt. Bald darauf gesellen sich noch seine Freunde zu ihm. Im Schwarzenfeld lernt er einen nigerianischen Drogendealer kennen und außer Ladendiebstahl beschäftigt er sich nun auch mit Drogenhandel. Auf diesem Wege gelingt es Dito Kinkladze, die Bankschulden zu begleichen und seine Wohnung zu retten. Doch eines Tages entdeckt die Polizei Diebesgut in Ditos Bleibe und er wird abgeschoben. Gleichzeitig erfährt Dito von seinem Freund, dass Marischka im Regensburger „Weekend Yachtclub“, in einem getarnten Bordell arbeitet.

Als Marischka und ihre drei Kunden in Begleitung von zwei Wächtern zum Yachtclub gehen, werden sie von Dito und seinen Freunden überfallen. Sie entführen Marischka und bringen sie in Ditos Wohnung. Dito ist wütend und beschließt, sich an Marischka zu rächen. Sie muss Ditos sechs Freunde sexuell befriedigen. Anschließend verlassen sie Ditos Wohnung für immer, um mit dem Auto nach Tiflis zurückzukehren. Marischka setzten sie auf der Straße ab.

Damit Dito unterwegs keine Schwierigkeiten macht, werden ihm von seinen Freunden immer wieder Drogen verabreicht. So kommen sie in ihrer Heimatstadt an.

Bald darauf kommt der Besitzer des „Weekend Yachtclubs“ nach Tiflis. Er gründet einen Radiosender und veranstaltet einen Schönheitswettbewerb. Die Gewinnerinnen werden nach Deutschland geschickt, damit sie für ihn im Bordell arbeiten. Dito und seine Freunde sind nun bei dem Schönheitswettbewerb beschäftigt. Dito bekommt einen Brief von seinem nigerianischen Freund, aus dem er erfährt, dass er in Nigeria für den Besitzer des „Weekend Yachtclubs“ tätig ist und gleiche Aufgaben wie Dito erfüllt. Marischka sei unter ungeklärten Umständen in Donau ertrunken.

Weblinks
https://de.wikipedia.org/wiki/Flug_ohne_Fass
https://openlibrary.org/works/OL4207471W/P%CA%BBrena_ukasrod

The Archandaman-Mimos-2017--

Micho Mossulischwili

Flug ohne Fass

Übersetzt von Katja Wolters

 

Erzählung Numero 1

Warum sollte man ausgerechnet nach Deutschland abhauen.

 

Wer und aus welchem Viertel ich bin, geht es keinen was an, Alter. Da ich in Deutschland einen neuen Namen annehmen musste, habe ich mich eben für „Dito Kinkladze“ entschieden und eben dieser Dito Kinkladze wird dir alles der Reihe nach berichten.

Passt das?

Ja, und außer Marischka sind alle anderen Namen auch ausgedacht.  Es ging halt nicht anders. Sogar auf dem Mond würde sie diesen Namen tragen. Ich sag es dir.

Seit der zweiten Grundschulklasse saßen wir in einer Schulbank. Tagein, tagaus trug sie eine Palme auf dem Kopf, einen Pferdeschwanz mit mehreren bunten Haargummis steif nach oben gerichtet, wie der Stiel einer Palme – saucool! Dank ihrer Palme schien sie auch etwas größer als der Rest der Klasse. Nach der Schule ging sie in die Kunstakademie und studierte Bildhauerei. Klar, seither hat sie ihre Frisur mindestens tausendmal geändert, doch mir schien es, als ob sie jene Palme immer noch auf dem Kopf trüge und uns dadurch überragte. Ja, eigenartig war sie auch, total eigenartig, Alter! Einmal hatte sie aus einer Unmenge von Federn ein Kleid gemacht. Kapierst Du? Ja, bloß aus vielen bunten Federn. Ich hatte nie zuvor etwas Derartiges gesehen! Und wenn du mitten im Sommer Lust darauf bekommen hättest, barfuß auf einer Bordsteinkante zu laufen, hättest du dich das getraut? Sieh! Ich hätte mich auch nicht getraut, sie hingegen schaffte es, einfach ihre Schuhe abzustreifen und mitten auf der Rustaveli-Allee, vor dem Operngarten, aus dem der kahlköpfige Paliaschwili wie Fantomas hervorlugt, mit bloßen Füßen zu marschieren. Würdest du mitten auf der Straße schreien können? Bedenke das, Alter, mitten auf der Straße, wo doch so viele Passanten, darunter etliche Scheißtypen unterwegs sind und alle dich anglotzen? Sie würde es. Sie würde aus heiterem Himmel einen Schrei loslassen und dir damit eine ganze Schar Polente auf den Hals hetzen, mit Gummiknüppeln und allem Drum und Dran. Aber trotz aller Auffälligkeit konnte sie sich in ziemlich jede Szene problemlos einschleichen und die Insider-Rolle spielen, indem sie so drauflos schwätzte, wie es dort üblich war. Kapiert?  Sie wusste einfach, was sie wo zu sagen hatte. Mal quatschte sie über Faulkner, mal…sollte sie es für richtig halten, über Joe Cocker.

Nein, nein, so geht es nicht!

Lass uns mal ganz anders anfangen!

Also, warum sollte man nach Deutschland abhauen. Warum wohl?

Weil…

Du kapierst schon, von welchen Zeiten ich rede, oder? Genau. Es wurde da draußen gerade eine extrem schwere Partitur gespielt, begleitet vom „Gezwitscher“ von Kalaschnikows und hier und da auch von den Bässen explodierender Handgranaten. Streunende Hundemeuten schlenderten durch die dunklen Gassen, auf der Suche nach hinfälligen Passanten, die sie angreifen und zerfetzen könnten – und denen war es völlig einerlei, ob sie es mit gebürtigen Stadtbewohnern oder mit Flüchtlingen zu tun hatten. Wer weiß, hättest du sie aus der Nähe ins Auge gefasst, könnte es sein, dass es keine Hunde, sondern Ratten waren. Das nagelneue Pack der Möchtegerne in der Regierung hatte seinen alten Drahtzieher zwar rausgeschleudert, doch der seinerseits hörte gar nicht auf, an dem besagten Draht zu ziehen und diesmal wollte er uns in eine Passage reinmanövrieren, in eine Art Durchgang zwischen Europa und Asien. So pries er unermüdlich die coolen Seiten dieses Projekts: ein besseres Leben, allgemeines Wohlergehen und den restlichen Bullshit.

So lief es da draußen und auch zu Hause hatte ich eine nicht minder beneidenswerte Situation, denn meine Wohnung – du siehst sie ja: fünf Zimmer, hohe Decken, direkt in der Stadtmitte gelegen – war von meiner Mutter Daredjan inzwischen zu einer Festung, einer Burg gemacht worden. Essensvorräte hatte sie bereits angelegt, einen Sack Mehl, einen Sack Kartoffeln und alles Drum und Dran und nun drohte sie, die Wohnung nie mehr freiwillig zu verlassen; nicht mal in die Klinik wollte sie gehen, um dort ihre Pflichten als Krankenschwester zu erfüllen und damit basta! Ja, von außen wurde die Wohnung von Gerichtsvollziehern belagert, die an die Horden des Aga Mohammed Khans erinnerten. Sie verlangten, dass wir die Wohnung verlassen, damit die „Kaukasus Bank“ sie verkaufen und ihr Geld und ihre Zinsen zurückgewinnen könnte. Ich blieb weg, zeigte mich überhaupt nicht mehr in der Nähe der Wohnung und Daredjan war fleißig dabei, mir für meine Dummheit Blitz und Donner an den Hals zu wünschen, mich vorzeitig in den Sarg zu legen und in ihrem geistigen Auge meine Beerdigung zu verfolgen. Sprich, die alte Frau lebte in ihrem Element. So wütend, wie sie auf mich war, hätte sie mich am liebsten lebendig begraben.

Was habe ich ihr angetan? Na ja, sie hatte erfahren, dass die Idee, unsere gemeinsame Wohnung bei der Bank zu verpfänden, auf meinem Mist gewachsen war. Sie hatte recht. Ich habe sie der „Kaukasus Bank“ als Pfand gegen ein Darlehen von rund Zehntausend übergeben. Die Kohle hatte ich für etwas richtig Cooles gebraucht. Woher sollte ich denn gewusst haben, dass ich reingelegt werden würde? Ja, das geliehene Geld hatte ich restlos verloren, die von mir zusammengesparten tausend Dollar auch und dazu gingen noch dreißig von Marischkas Bildern baden.

Weißt du wie es geschah?

Na ja, erst tauchte eine blonde Typin aus Deutschland auf, die hatte Ateliers von Künstlern ihrer Wahl abgeklappert. Unter anderem hatte sie auch Marischka besucht und ihr versprochen, in Deutschland eine Ausstellung ihrer Werke zu organisieren und zwar von beidem – Malerei und Bildhauerei. In Dresden, Bonn und München.

Klar, wenn man so etwas zu hören bekommt, sollte man sofort zweifeln, ob man nicht auf den Arm genommen wird. Marischka und ich allerdings ließen uns dadurch täuschen, dass die blonde Typin Geld von uns verlangte. Man müsse die Werke transportieren, versichern und anschließend auch Galeristen schmieren. Nachdem sie noch ihr Honorar dazu gerechnet hatte, kam summa summarum elf raus, elf Tausend.

Na, was sagst du dazu? Klingt nach einem echten Geschäft, oder? Das hatten wir auch gedacht.  Verkaufsausstellungen in drei großen Städten Deutschlands! Wenn dieses Geschäft erstmal läuft, kann es einer Familie samt mit ihren zahlreichen Angehörigen ein sorgenfreies Leben bescheren. Na, was sagst du? Stimmt das oder stimmt das nicht?

Natürlich stimmt das. So hatte ich mit Marischka auch nur ein Wort gesprochen zu haben, von der Bank gegen unsere Wohnung die zehn tausend Dollar geliehen, selbst zusammengespartes Tausend dazu gelegt und die ganze Kohle vor Marischkas Augen auf den Tischblatt ausgebreitet und gesagt, ich habe das Geld unter meine Kriegskameraden eingesammelt.

So gaben wir der blonden Typin Kohle, sie nahm noch dreißig Werke von Marischka mit und bald darauf war sie nach Deutschland abgezischt. Erstmal warteten wir geduldig auf sie und als sie sich nach drei Monaten immer noch nicht gemeldet hatte, hatten wir auch geschnallt, dass sie nicht abgezischt, sondern endgültig verdampft war und zwar mit unserem Geld und Marischkas Kunst. Ja. Woher sollte ich denn wissen, Mann, dass sie einfach so verschwinden würde. Man hatte einmal bei der Deutschen Botschaft angerufen und gefragt, ob in Dresden, unter einer bestimmten Adresse die und die Person gemeldet war. Die Antwort der Deutschen Botschaft war klipp und klar: Die genannte Person sei nicht nur in Dresden, sondern in ganz Deutschland nicht wohnhaft und sei auch nie wohnhaft gewesen. Kapierst du, Alter?

Als Marischka es endlich schnallte, dass ich unsere Wohnung verpfändet hatte – und sollte die Bank sie verkaufen, würde Daredjan hundert Pro sterben, sie würde sich aus dem dritten Stock werfen – heulte sie  erst ein bisschen, aber dann riss sie sich zusammen und hatte im selben Augenblick ihr Atelier verschachert. Das so eingenommene Geld reichte gerade einmal dazu, die Zinsen für die nächsten zwei Monate zu begleichen. Nun hatte man etwas Zeit und Hoffnung, dass wir die blonde Typin vielleicht doch noch ausfindig machen könnten.

Doch wie willst du das anstellen, Alter. Die Frau war weg und zwar schon seit fünf Monaten und man hatte noch keine Spur von ihr gefunden. Mittlerweile schuldete ich der Bank die Zinsen für die nächsten drei Monate. Wenn sie mir bloß mit Gerichtsverfahren gedroht hätten, aber nein, wie es hier so üblich ist, hatten sie noch ein paar Halsabschneider zu mir geschickt. Nun machten sie mir die Hölle heiß – ich solle mich sofort ins Zeug legen und die Kohle herbeischaffen, sonst würden sie mich mit dem Sack aufhängen oder Daredjan umbringen oder – im schlimmsten Fall – beides tun.

Was blieb mir denn übrig, als alle Mittel einzusetzen, überall herzumzutrompeten, dass ich Kohle brauche, sehr viel Kohle. Mit Zehntausend ist nicht zu spaßen, Mann! Rechne dir bloß die Zinsen aus und du wirst gleich wissen, wovon ich rede!

Ziemlich am Ende mit meinem Latein, traf ich ganz zufällig Kacha Burnadze, den Typen aus unserem Viertel, der damals seinen Unterhalt dadurch bezog, dass er auf der Straße Ausländer beraubte. Nein, Bro, der wohnt nicht mehr bei uns. Er ist irgendwo in die Nutzubidze-Gegend umgezogen, doch auf der Straße hocken tut er immer noch hier. Was, du kennst ihn nicht? Tagein tagaus ist er vorm Notariat zu sehen. Na, komm schon! Die private Notarkanzlei meine ich, die unser Nachbar Kiaso eröffnet hat, neben dem Brotladen, Mann!

Weißt du, als wir in Abchasien gekämpft haben, hat er… Nein, doch nicht Kiaso, sondern Kacha hat sich einen Bart wachsen lassen und außerdem trug er noch eine schwarze Sonnenbrille und Bandana. Im Krieg gehörte es sich so. Als er aus der Aufklärungsmission mit zwei tschetschenischen Geiseln zurückkam, hat man ihn auch für einen Tschetschenen gehalten und angeschossen und zwar aus einem Sniper-Gewehr. Gott sei Dank war es kein Profi, der auf ihn geschossen hat. So kam er lediglich mit einer Kontusion aus dem Ganzen heraus, dafür hat er bis heute Schwierigkeiten beim Sprechen. Sonst ist er obercool. Wirklich. Ich meine es so. Als ich ihm sagte, dass ich in einer mächtigen Geldnot steckte und mit seiner Hilfe rechnete, sagte er ohne zu zögern, es gäbe überhaupt kein Problem.

Das sind schon olle Kamellen, deshalb gibt es auch nichts zu verheimlichen – wir, Kacha und ich, hatten in Tiflis Autos entführt und sie nach Ossetien gefahren. Dort hatten wir sie gegen Drogen getauscht und mit diesen Drogen einen Dealer in Tiflis beliefert. Drei, vier Mal hatte alles prima geklappt und so war ich im Besitz von zwei-zweieinhalb Tausend gekommen, aber dann hatte man Kacha plötzlich eingebunkert. Das war bestimmt der Dealer, der uns auffliegen ließ, denn ich hatte ihn überall gesucht und nicht mehr ausfindig gemacht, den Hurensohn.

Kurz und gut, es war die Zeit, in der ich auch darauf wartete, eingegittert zu werden. Ich kam nach Hause, das von meiner Mutter bereits in die Festung verwandelt worden war, wo sie als Burgherrin schon einen Angriff der Horde abgewehrt hatte und nun damit beschäftigt war, mich zu verfluchen. Dazu wünschte sie noch Marischka die Pest an den Hals, denn wegen dieser Schlampe hätte ich ihre tolle, große Wohnung der Bank übergeben, Marischka dafür hätte in Deutschland einen Millionär geheiratet. Ja, einfach so, als ob nichts wäre!

Wer ihr so ein Mist erzählt hätte, hatte ich sie gefragt.

Wie sich herausstellte, war meine Mutter schon bei Marischkas Eltern gewesen, wieder mal mit Pest, Donner und Doria bewaffnet und von dort hatte sie auch diese Neuigkeit.

Nein, Mann, wie hätte ich denn das Geld, das ich mit den Autos verdient hatte, für die Zinsen ausgeben können! Ich hatte es ja bis zum letzten Cent dafür abgestottert, dass Kacha etwas kürzer absitzen musste.

Und das ist auch ziemlich klar, dass ich sofort zu Marischkas Eltern ging und anschließend auch zu Nutsa Egadze, Marischkas bester Freundin und alles, was ich dort erfahren hatte war, dass sie wirklich einen Deutschen geheiratet hatte.

So ein verficktes Pech muss man erstmal haben!

Warum habe ich mich bloß auf diese blonde Typin eingelassen. Andererseits, dachte ich doch, es könnte aus diesem Geschäft etwas werden. Wo sonst hätte man in Tiflis ohne Bekanntschaften etwas anfangen können? Wer keine Bekanntschaften hatte, musste halt schmieren können, um eine halbwegs anständig bezahlte Arbeit zu bekommen. Damals war es eben auch nicht anders als jetzt.

Keine Frage. Manche schaffen es heute noch, doch die Mehrzahl der Leute schafft es nicht. Von daher…

Damals war alles noch schlimmer. Weit und breit gab es nur Probleme. Man konnte sich in keiner Szene länger aufhalten. Zahlreich und schnell, wie Pilze nach dem Regen tauchten die Gruppen auf, lebten ihr Leben, erreichten den Gipfel der Popularität und schon waren sie wieder auseinander, zerstreut und verschwunden. Bald ging es mit   ihren Mitgliedern bergab, manche kamen sogar um – es hing von der Szene ab. Kacha Burnadze zum Beispiel gehörte zu den „Gourmets“ und auch damals ist er dem Kittchen knapp entkommen. Wenn man sich mit einer bestimmten Gruppe abgibt, muss man genauso sein wie sie. Es gehört sich so.

Zurück zum Thema: Nun ging ich schnurstracks zu einer Reiseagentur. Ein Verwandter hatte mich dahin geschickt, ein guter Verwandter, und es hatte sich herausgestellt, dass sie so etwas wie eine Beschäftigung im Ausland nicht organisieren können, nur ein Visum. Damit musst du selbst ins Ausland reisen und dir dort auch selbst eine Arbeit beschaffen. Na ja…Reiseagenturen versprachen es dir schon, doch du musstest nicht so blauäugig sein und kapieren, dass sie dich aufs Glatteis fuhren.

Was sollte ich machen? Jeder Versuch, den ich unternommen hatte, war gnadenlos gescheitert. Von so einem Pech verfolgt, sollte man eigentlich aufgeben, doch auf einmal traf ich ins Schwarze. Wie sich herausstellte, war ein Bekannter von mir, ein Tscherkesse, bereits in Deutschland. Er rief immer wieder zu Hause an und sagte, es ginge ihm gut, er würde arbeiten und habe sich sogar ein Auto zugelegt. Einer von unseren Freunden hatte ihn angerufen und ihm meine Lage geschildert. Ich solle kommen, er würde sich um mich kümmern, habe er gesagt.

Ich war voller Hoffnung. Was wollte man mehr? Ich hatte einen Kumpel meines Kumpels dort, im Hessischen Land, (du weißt es sicher, dass verschiedene Teile Deutschlands als Länder bezeichnet werden); ich hatte sogar seine Telefonnummer, also verschacherte ich meine „Kalaschnikow“, meine „Makarow“, sieben Handgranaten F-1 und zehn Magazine – ich brauchte Geld.

Ja, die Hoffnung…

Die Hoffnung ist wie ein Kumpel, der sich bald als Verräter entpuppt.

Nein, Alter, mit dem Visum gab’s kein Problem. Man hat mir es ganz einfach erteilt.

Das Visum hatte ich schon, nun brauchte ich nur noch ein Flugticket. Als ich aus der Geschäftsstelle von „Georgian Airlines“ herauskam, lief ich Puppa direkt in die Arme.

Wie kann man dir Puppa am besten beschreiben. Er spricht abertausend Sprachen und trägt einen mit schwarzem Gummi zusammengebundenen Pferdeschwanz. Doch wenn man ihn von vorne sieht, ähnelt er nicht einem Pferd, sondern eher einer Eule, wie man sie in Schulbüchern malt, mit Glubschaugen und einen Hakenschnabel. Ganz ehrlich!

Na ja, früher ist er nicht mit Pferdeschwanz herumgelaufen, deshalb fragte ich ihn auch, wem oder was sein neues Image zu verdanken war. Er habe eine Idee gehabt und sie auch verwirklicht, sagte er, er habe die in Kharpuchi gelegene Dreizimmerwohnung seines Großvaters Ambroise verkauft, die Haare zum Pferdeschwanz gebunden, denn dieser sei in Deutschland angesagt, und nun wolle er auch dorthin fahren. Er habe vor, dort einen Minibus zu kaufen, ihn dann in Tiflis als Linienbus einzusetzen und Geld zu verdienen. Als er erfuhr, dass ich in Hessen einen Kumpel von meinem Kumpel hatte, bat er mich, ihn mitzunehmen. Vielleicht würde der Gute ihm auch für zwei Nächte ein Dach über dem Kopf bieten. Nur so lange, bis er den Minibus gekauft hätte.

Ich sagte, er solle mitfliegen. Ehrlich gesagt, es kam mir sogar gelegen, mit ihm zu reisen. Nachdem ich mir das Ticket gekauft hatte, waren mir nämlich nur armselige 150 DM in der Tasche geblieben. Wenn man in ein Land einreisen möchte, muss man aber Geld dabeihaben. Sonst würden die Zollbeamten dich zurückweisen. Jeder weiß, dass 150 DM in Deutschland nicht mal fürs Pinkeln reichen – und mit einem Visum für eine Autotour hättest du auch noch das Geld für den Autokauf nachweisen müssen.

So fuhren Puppa und ich zusammen zum Flughafen. Er mit seinen 12000 DM, und ich, als wollte ich auch ein Auto   kaufen, in Wirklichkeit aber, um dort zeitweise zu wohnen und zu arbeiten, aus ökonomischen und anderen Gründen.

Ich habe 5000 DM von Puppas Geld in meine Tasche gelegt, um sie falls nötig als meins vorzuweisen. Nachdem wir das Zollamt hinter uns hätten, würde ich ihm die Summe zurückgeben.

Keiner der deutschen Zollbeamten hat sich für mein Hab und Gut interessiert. Ich kriegte einen Stempel in den Pass und damit war die Sache vorerst erledigt.

Katja Wolters-p-01

 

 

 

 

Übersetzt von Katja Wolters

 

Advertisements